
Bacillus clausii – Das sporenbildende Probiotikum für die Darmbalance bei Durchfall und Verdauungsbeschwerden
Nachdem wir uns im letzten Beitrag die probiotische Hefe Saccharomyces boulardii angeschaut haben – und wieso sie bei Durchfall, Reizdarm und Antibiotikabehandlung Anwendung findet – richten wir heute wieder den Blick auf ein Bakterium: Bacillus clausii. Damit schließen wir unsere kleine Reihe zu Sporenprobiotika ab. Wir hatten bereits Artikel zu Bacillus subtilis und Bacillus coagulans veröffentlicht.
Schauen wir uns also an, was B. clausii alles drauf hat – und wieso es interessant für Dich und Deine Verdauung sein könnte.
Hinweis: Wie immer sind die Informationen in unserem Artikel von uns selbst recherchiert und geschrieben – ohne Beteiligung von ChatGPT und Konsorten. Viel Spaß beim Lesen!
Was ist Bacillus clausii?
Bacillus clausii ist ein grampositives, stäbchenförmiges Bakterium, das zur Gruppe der sporenbildenden Probiotika gehört – in der neueren taxonomischen Einordnung wird es auch als Alkalihalobacillus clausii geführt. Unter ungünstigen Bedingungen, etwa Nährstoffmangel oder Hitze, bildet es eine Endospore: eine Art Ruhezustand mit widerstandsfähiger Schutzhülle, in dem der Stoffwechsel praktisch stillsteht. Diese Spore übersteht die Magenpassage deutlich zuverlässiger als die empfindlichen Zellen klassischer Milchsäurebakterien wie Lactobacillus oder Bifidobacterium – ein Prinzip, das wir im Grundlagenartikel zu sporenbildenden Probiotika bereits eingeordnet haben. Erst im Darm, in einer für das Bakterium wieder günstigen Umgebung, geht die Spore in ihre aktive, stoffwechselaktive Form über.

Was macht Bacillus clausii im Darm – die Wirkmechanismen
Von B. clausii existieren einige Stämme, die sich in ihrem Genom unterscheiden. Daher ist die folgende Beschreibung der Funktionen von B. clausii im Darm eine allgemeine Beschreibung ohne den Fokus auf einen spezifischen Stamm. Wenn in den entsprechenden Studien der Stamm angegeben ist, so ist er in Klammern hinter einer Aussage referenziert.
#1 Immunmodulation – Antimikrobielle Wirkstoffe und Inflammationsregulation
Ein zentraler Wirkmechanismus von B. clausii ist die Produktion antimikrobieller Substanzen. Die Zellen bestimmter B. clausii Stämme bilden das Lantibiotikum/Lanthipeptid Clausin, ein modifiziertes Peptid, das gezielt Lipid-Zwischenprodukte der bakteriellen Zellwandsynthese (Peptidoglykane) angreift und dadurch grampositive Keime hemmt2. Die Fähigkeit zur Produktion von Clausin wurde unter anderem für den Stamm UBBC07 auch nach simulierter Magen-Darm-Passage bestätigt3.
Neben der direkten antimikrobiellen Wirkung greift Bacillus clausii regulierend in Entzündungsprozesse ein. In einem Makrophagen-Modell löste der Stamm MTCC-8326 zunächst eine kontrollierte, zeitlich begrenzte proentzündliche Reaktion aus, gefolgt von einer Zunahme antientzündlicher Signale in der späteren Phase – ein Muster, das eher auf eine regulierte Immunantwort als auf reine Unterdrückung oder Aktivierung hindeutet4. Bei einer simulierten Rotavirus-Infektion regten B. clausii Stämme zudem die Bildung der körpereigenen antimikrobiellen Peptide humanes Beta-Defensin 2 und Cathelicidin an und dämpften gleichzeitig die Freisetzung pro-inflammatorischer Signale wie IL-8 und IFN-β5.
#2 Stabilisierung der Darmbarriere (Mucin, Tight Junctions)
Wie viele andere Probiotika kann auch B. clausii Effekte auf die Darmbarriere haben – zum einen über die bereits erwähnten immunmodulatorischen Effekte. Es zeigt sich jedoch auch explizit, dass Bacillus clausii in präklinischen Studien die Expression der Tight Junctions (wichtig für die Darmbarriere) erhöhen kann und außerdem Dysbiosen ausgleichen kann. Bei Mäusen, die fünf Tage lang oral eine hohe Dosis Ceftriaxon erhielten, zeigte sich, dass mit B. clausii die Expression von Tight Junctions verbessert war und die unausgewogene Produktion von pro- und antiinflammatorischen Zytokinen im Kolon reguliert werden konnte, was zu einer vollständigen Rückbildung der Darmschäden führte6.
Die große Frage, die bleibt: Wie sieht es mit der Effektivität von Bacillus clausii in klinischen Studien und der Praxiserfahrung aus?
Reizdarm, Blähungen, Verdauungsbeschwerden: Kann Bacillus clausii helfen?
Klassischerweise wird Bacillus clausii im Rahmen von Durchfällen verwendet, oftmals antibiotika-assoziierten Durchfällen – daher zuerst mehr zu diesem klassischen Anwendungsfall, bevor es im Detail um andere Verdauungsbeschwerden und Syndrome wie das Reizdarmsyndrom (RDS) geht.
Bacillus clausii bei Durchfällen – Studienlage
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B. clausii bei akuter Gastroenteritis
Durchfälle sind besonders bei kleinen Kindern problematisch, da hier das Elektrolytgleichgewicht besonders schnell entgleisen kann. Ein Präparat mit Bacillus clausii, bestehend aus einer Kombination von vier Stämmen, wurde bei Kindern mit akuter Gastroenteritis in einer Meta-Analyse (14 Studien) untersucht7. Für die drei in den randomisierten Studien am häufigsten berichteten Parameter – Dauer des Durchfalls, Anzahl der Stuhlgänge und Dauer des Krankenhausaufenthalts – zeigte sich im Vergleich zur Kontrollgruppe für alle eine signifikante Verbesserung.
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B. clausii bei Antibiotika-assoziertem Durchfall
Eine weitere aktuelle Übersichtsarbeit zu B. clausii bei Durchfallgeschehen wertete vier Studien aus: zwei randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) bei Erwachsenen im Rahmen einer Helicobacter pylori Eradikationstherapie sowie eine gepoolte Analyse von RCTs bei 435 Kindern (0–14 Jahre)8. Bei den Erwachsenen sank die Durchfallhäufigkeit nach einer Woche Antibiotikaeinnahme unter Bacillus clausii von 47,7 % (Placebo) auf 29,2 % (Verum), begleitet von signifikant selteneren epigastrischen Schmerzen. Eine zweite, ältere RCT zeigte ebenfalls signifikant weniger Durchfall und Übelkeit in der ersten Behandlungswoche. Bei Kindern reduzierte sich die Häufigkeit von Antibiotika-assoziiertem Durchfall von 6,5 % (Kontrolle) auf 1,8 %.
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B. clausii während H. pylori Eradiaktions-therapie
Auch während anderer Antibiotikatherapien, beispielsweise während einer Helicobacter pylori Eradikationstherapie, wurde Bacillus clausii angewendet. Eine ältere randomisierte doppelblinde, placebokontrollierte Studie (das ist ein sehr hochwertiger Studientyp) untersuchte gezielt, ob B. clausii Nebenwirkungen einer Helicobacter pylori Eradikationstherapie abmildern kann9. 120 Helicobacter pylori positive, zuvor beschwerdefreie Personen erhielten die zu diesem Zeitpunkt übliche siebentägige Standard-Tripeltherapie (also drei sehr starke Antibiotika, da H. pylori ein hartnäckiger Erreger ist), begleitet entweder von Bacillus clausii oder Placebo. Die Probiotikgruppe zeigte in Woche 1 deutlich seltener Übelkeit (25,9 % vs. 50,0 %), Durchfall (9,3 % vs. 30,8 %) und epigastrische Schmerzen (44,4 % vs. 65,4 %) als die Placebogruppe; die Effekte für Übelkeit und Durchfall blieben auch in Woche 2 bestehen. Wichtig: Die Eradikationsrate selbst unterschied sich nicht zwischen den Gruppen – B. clausii konnte also die Symptome der Therapie abmildern, ohne die Wirksamkeit zu reduzieren.
Bei all diesen Studien ist es wichtig zu erwähnen, dass Stämme genutzt wurden, die nachweislich antibiotikaresistent sind. Wie sieht es bei chronischen, länger andauernden Beschwerden aus – zum Beispiel dem Reizdarmsyndrom?
Bacillus clausii bei Reizdarmsyndrom – Studienlage
Die bislang einzige groß angelegte klinische Studie zu B. clausii bei Reizdarmsyndrom ist eine Studie mit 259 Kindern und Jugendlichen (6–17 Jahre)10:
- Nach acht Wochen zeigte sich beim primären Endpunkt – einer klinisch relevanten Symptombesserung – kein signifikanter Unterschied zwischen Bacillus clausii (73,6 %) und Placebo (78,5 %), nur ein leichter Trend.
- Auf Ebene einzelner Symptome gab es vereinzelte Signale: In Woche 4 traten unter B. clausii etwas seltener Bauchschmerz-Episoden auf, und bei Teilnehmenden mit verstopfungsdominantem Reizdarm (RDS-O) war der Anteil an Tagen mit Blähungen in den Wochen 4 und 16 geringer. Diese Einzeleffekte reichten jedoch nicht aus, um die Studie insgesamt als Wirksamkeitsnachweis zu werten.
Zwei Einordnungen sind hier wichtig:
- Auch diese Studie bezieht sich auf den Stämme-Komplex O/C, N/R, SIN und T – nicht auf die in Nahrungsergänzungsmitteln typischerweise enthaltenen Stämme, zu denen bislang keine RDS-Studie vorliegt.
- Das bedeutet das nicht, dass die zuvor beschriebenen Wirkmechanismen von Bacillus clausii – Immunmodulation, Barrierestabilisierung, antimikrobielle Aktivität – nicht stattfinden. Für eine klare Empfehlung oder Ablehnung speziell bei Reizdarm braucht es also weitere Forschung, auch bei Erwachsenen, die deutlich häufiger zu Probiotika bei RDS greifen.
Von allen sporenbildenden Probiotika ist die Evidenz also besonders robust im Durchfallbereich, aber noch nicht so ausgereift in anderen Bereichen wie RDS. Wenn Reizdarm oder Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) Dein Ausgangspunkt sind, dann solltest Du auf eine Kombination mit anderen Sporenprobiotika zurückgreifen.
Bacillus clausii: Worauf Du bei Auswahl und Einnahme achten solltest
Wenn Du Dich für ein Bacillus clausii Präparat entscheidest, lohnt sich auch hier der genaue Blick – denn “Bacillus clausii” ist, wie wir gesehen haben, keine einheitliche Größe. Hinter dem Namen verbergen sich teils sehr unterschiedliche Stämme:
- der historische Vierer-Komplex O/C, N/R, SIN und T,
- der Stamm 088AE,
- aber auch weitere Stämme wie UBBC07 oder MTCC-8326.
Ein seriöser Hersteller weist den verwendeten Stamm daher immer klar in den Zutaten aus – etwa als Bacillus clausii 088AE. Fehlt diese Angabe, lässt sich die vorhandene wissenschaftliche Datenlage kaum einordnen.
Warum das wichtig ist: Erkenntnisse aus Sicherheits- und Wirksamkeitsstudien gelten grundsätzlich nur für den jeweils untersuchten Stamm und lassen sich nicht automatisch auf andere Stämme derselben Art übertragen.
Wie bei allen Präparaten mit lebenden Mikroorganismen gilt: Sprich die Einnahme mit einem Arzt oder einer Ärztin ab, wenn Du stark immungeschwächt bist – etwa durch eine Chemotherapie, Strahlentherapie, die dauerhafte Einnahme von Immunsuppressiva oder eine schwere chronische Grunderkrankung. Bei B. clausii sind beispielsweise vereinzelt Fälle von Bakteriämie (Bakterien im Blut) nach Einnahme dokumentiert, praktisch ausschließlich bei bereits schwer immunsupprimierten oder mehrfach vorerkrankten Personen. Absolut betrachtet ist das angesichts der breiten Nutzung des Probiotikums ein sehr seltenes Ereignis, unterstreicht aber, warum die Rücksprache bei Risikogruppen sinnvoll ist. Für immunkompetente Erwachsene gelten gut charakterisierte, sicherheitsgeprüfte Stämme als gut verträglich.
Fazit: Bacillus clausii – der Spezialist unter den Sporenbildnern bei Durchfall und während Antibiotikaeinnahme
Bacillus clausii ist ein widerstandsfähiger, sporenbildender Verwandter der übrigen in diesem Blog vorgestellten Bacillus-Arten – mit einer Besonderheit: Einige Stämme gelten als besonders stabil und teilweise sogar antibiotikaresistent, was die Einnahme während einer Antibiotikatherapie ermöglicht. Am belastbarsten ist die Studienlage dort, wo B. clausii traditionell eingesetzt wird: bei akutem und antibiotika-assoziiertem Durchfall, auch bei Kindern. Beim Reizdarmsyndrom dagegen zeigt die bislang aussagekräftigste Studie keinen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo – bei alleinigen funktionellen Darmbeschwerden braucht es also noch mehr Forschung.
Die wichtigste Erkenntnis für Dich: Bacillus clausii ist nicht gleich Bacillus clausii. Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten gelten immer nur für den jeweils untersuchten Stamm – deshalb lohnt sich beim Blick aufs Etikett nicht nur die Artbezeichnung, sondern auch die genaue Stammangabe.
Wir empfehlen daher oft die Kombination aus mehreren sporenbildenden Probiotika, zum Beispiel mit Bacillus coagulans und Bacillus subtilis, da jedes dieser Probiotika eigene Schwerpunkte hat.
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