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Saccharomyces boulardii – Die probiotische Hefe bei Durchfall, Reizdarmsyndrom und Antibiotikabehandlung

Lesezeit: 11 MinutenMibiota Team11. August 2026

Probiotika sind Bakterien, die verabreicht werden, um die Darmflora anzureichern … Moment mal, Saccharomyces boulardii ist doch gar kein Bakterium, sondern eine Hefe und die probiotische Hefe bleibt auch gar nicht im Darm, sondern wird wieder ausgeschieden. Wie kann S. boulardii dann eigentlich positive Effekte auf den Darm und das dort ansässige Mikrobiom haben?

Mehr zu zwei interessanten Sporenbiotika findest Du in unseren Artikeln zu Bacillus subtilis und Bacillus coagulans.

Hinweis: Wie immer sind die Informationen in unserem Artikel von uns selbst recherchiert und geschrieben – ohne Beteiligung von ChatGPT und Konsorten. Viel Spaß beim Lesen!

Was ist Saccharomyces boulardii – und warum ist eine Hefe ein Probiotikum?

Saccharomyces boulardii ist eine Hefe, die von dem Wissenschaftler Henri Boulard in den 1920ern entdeckt wurde. Dieser hat den Hefepilz ursprünglich aus den Schalen der Mangostanfrucht (siehe Bild) isoliert. Hefen sind einzellige Pilze – Schimmelpilze und S. boulardii gehören also beide ins Reich der Pilze. Sie haben sonst recht wenig miteinander zu tun: während S. boulardii ein nützlicher Hefepilz ist, ist Schimmelpilz ein schädlicher Fadenpilz.

Saccharomyses boulardii wurde aus der Mangostanfrucht isoliert

Wusstest Du, dass die Bäckerhefe – Saccharomyces cerevisiae – der gleichen Art angehört? Natürlich handelt es sich hier um einen anderen Stamm mit anderen Eigenschaften, aber die beiden Stämme sind verwandt.

Im Gegensatz zu den sporenbildenden Probiotika, die wir Dir in vergangenen Artikeln vorgestellt haben, ist Saccharomyces boulardii kein Sporenbildner und daher nicht ganz so stabil. S. boulardii ist stabiler als viele andere Probiotika bei der Passage durch den Magen, bei einem pH-Wert von 1-2 geht auch S. boulardii zum Teil kaputt.1 Deshalb gilt die Regel, die Einnahme mit dem Essen zu kombinieren, da hier der pH-Wert höher liegt. S. boulardii ist außerdem bis zu einer Temperatur von etwa 37 °C optimal aktiv – was genau der menschlichen Körpertemperatur entspricht.

Warum ist S. boulardii nun eine nützliche Hefe und zählt damit zu den Probiotika? Tatsächlich gibt es mehrere Faktoren, die S. boulardii besonders machen:

  • 1. Transiente Besiedlung wie bei den Bacillus-Arten

    Auch S. boulardii siedelt sich nicht dauerhaft im Darm an – ähnlich wie B. subtilis und B. coagulans handelt es sich um eine transiente Besiedlung. Das bedeutet: Nach Absetzen der Einnahme ist die Hefe innerhalb weniger Tage nicht mehr im Stuhl nachweisbar.2 Das klingt zunächst nach einem Nachteil, ist aber keiner – denn S. boulardii entfaltet seine positiven Effekte bereits während der Passage durch den Darm, unter anderem durch die Produktion von Substanzen, die das Darmmilieu und die Zusammensetzung der Darmflora nachhaltig beeinflussen können. Das Problem bei anderen Probiotika ist oft, dass diese sich im Darmmikrobiom anreichern und potenziell selbst zu einer Dysbiose führen können, wenn sie Überhand nehmen – beziehungsweise zu SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth), wenn sie sich schon im Dünndarm ansiedeln. S. boulardii übt seinen probiotischen Effekt vor allem über die Produktion von bestimmten Substanzen aus – mehr dazu später.

  • 2. Von Natur aus resistent gegen Antibiotika

    Der nächste Vorteil von S. boulardii ist die natürliche Resistenz gegen Antibiotika, da diese nicht gegen Hefe wirken. Damit ist es eines der wenigen Probiotika, die auch während einer antibiotischen Therapie gegeben werden können – was ein komplett neues Anwendungsgebiet eröffnet. S. boulardii wird beispielsweise während der antibiotischen Therapie gegen H. pylori angewendet oder während anderer antibiotischer Therapien zur Verhinderung einer Clostridioides difficile-Überwucherung, einer typischen Nebenwirkung von Antibiotika. Diese Effekte übt es, wie erwähnt, vor allem über die Substanzen aus, die S. boulardii im Darm produziert. 

Was produziert Saccharomyces boulardii im Darm?

S. boulardii ist in seiner Wirkungsweise ziemlich einzigartig unter den Probiotika – und das liegt vor allem daran, dass es als Hefe ganz andere Stoffklassen produziert als Bakterien. Vier Klassen stechen dabei besonders hervor.

  • #1 Proteasen und Phosphatasen – Zerstörung pathogener Keime

    S. boulardii sezerniert spezifische Proteasen und Phosphatasen – das sind Enzyme; darunter eine 54-kDa-Serinprotease, die aktiv die Toxine von Clostridioides difficile abbaut; sowie eine 63-kDa-Phosphatase, die die Endotoxine pathogener Escherichia coli zerstört. Durch die direkte Neutralisierung dieser schädlichen Proteine verhindert die Hefe, dass sie an die Rezeptoren der Darmschleimhaut binden können. Das ist besonders relevant bei Durchfall, der durch krankmachende Keime oder deren Giftstoffe ausgelöst wird; und erklärt, warum S. boulardii auch begleitend zu Antibiotikatherapien eingesetzt wird, bei denen das Risiko für Clostridioides difficile-Infektionen erhöht ist – mehr zu der Effektivität weiter unten.3

  • #2 Polyamine – der Darmreifungsfaktor

    S. boulardii kann Polyamine synthetisieren und freisetzen sowie die Aktivität intestinaler Verdauungsenzyme steigern und die Aktivität von Nährstofftransportsystemen hochregulieren. Bei den Polyaminen handelt es sich um Moleküle wie Spermidin und Spermin, die in allen lebenden Organismen vorkommen und eine wichtige Rolle bei Zellwachstum und Gewebereifung spielen. Lyophilisiertes S. boulardii CNCM I-745 enthält messbare Mengen der biogenen Polyamine Spermin, Spermidin und Putrescin. Die Verabreichung an Ratten erhöhte die Spermin- und Spermidinkonzentrationen in der Jejunalschleimhaut signifikant und steigerte dabei auch die Aktivität von Verdauungsenzymen wie Sucrase und Maltase.4 Für den Darm bedeutet das: S. boulardii unterstützt nicht nur die Verdauung, sondern fördert aktiv die Erneuerung der Darmschleimhaut. Das ist besonders an dem Stamm S. boulardii CNCM I-745 beobachtet worden sowie bei einem speziellen, veränderten Stamm, der Polyamine überproduziert.5

  • #3 Sekretorisches IgA – die Immunbarriere

    Durch die Aktivierung von dendritischen Zellen und Toll-like-Rezeptoren (TLR-2/4) fördert S. boulardii die intestinale Sekretion von IgA und reguliert überschießende Entzündungsreaktionen. Sekretorisches IgA (sIgA) ist der wichtigste Antikörper der Darmschleimhaut – er bildet gewissermaßen eine Schutzschicht gegen eindringende Krankheitserreger. Dieser Mechanismus ist besonders interessant bei Menschen, die nach Antibiotikagabe oder in Stressphasen eine geschwächte Darmbarriere haben, und ist daher weiterhin Gegenstand aktueller Forschung.3,6

  • #4 Tight Junction-Proteine – der Barriereeffekt

    S. boulardii kann die Expression von Entzündungsfaktoren modulieren und die Integrität der gastrointestinalen Mukosabarriere erhalten, indem es die Sekretion von Tight-Junction-Proteinen fördert und direkt an Pathogene bindet, wodurch deren Wechselwirkung mit intestinalen Epithelzellen gehemmt wird. Tight Junctions sind die molekularen “Verbindungsstücke” zwischen den Zellen der Darmschleimhaut: Sind sie intakt, können Krankheitserreger und Toxine nicht unkontrolliert in den Körper eindringen. Hierzu gab es einige Tierstudien mit Modellen der ulzerativen Kolitis, einer Darmschleimhautentzündung. So konnte gezeigt werden, dass die Gabe von S. boulardii die Barriereproteinlevel erhöhen konnte, vermutlich auch über eine Hemmung des NF-κB Signalwegs, ein prominenter Entzündungsweg.7 Auch mit abgetöteten S. boulardii Hefen war das der Fall in einem Mausmodell.8

Zusammengefasst wirkt S. boulardii also auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Es neutralisiert aktiv Giftstoffe, fördert die Darmschleimhaut, stärkt die Immunabwehr der Schleimhaut und schützt die physische Barriere des Darms. Wie sich das in konkreten klinischen Studien beim Menschen niederschlägt, erfährst Du im nächsten Abschnitt.

Durchfall, Reizdarm, Antibiotika: Kann Saccharomyces boulardii helfen?

Zu S. boulardii besteht tatsächlich einiges an Evidenz zur Wirksamkeit, besonders bei Durchfällen und Antibiotika-Einnahme. Das hat zum Hintergrund, dass es auch bereits Over-the-Counter-Arzneimittel (Medikamente, die man ohne Rezept in der Apotheke kaufen kann) mit dem Stamm Saccharomyces boulardii CNCM I-745 gibt. Oft sind Studien also zu diesem Stamm, allerdings wurden auch andere Stämme untersucht.

In der folgenden Übersicht gehen wir auf die wichtigsten Anwendungsgebiete ein:

Probiotika und Sporenbilder für Darmgesundheit
  • S. boulardii bei Reisedurchfall und akutem Durchfall

    Hier ist die Evidenzlage am stärksten – bei akutem Durchfall. So gibt es tatsächlich mehrere Meta-Analysen zu dem Thema: Hierbei werden mehrere klinische Studien zusammen bewertet, wodurch eine stärkere Aussage zur Effektivität getroffen werden kann. Eine ältere Meta-Analyse von 2010 zeigte einen deutlich signifikanten Effekt zur Prävention von Reisedurchfall sowie Antibiotika-assoziiertem Durchfall – mit einer Dosis von 250-1000 mg pro Tag für Reisedurchfall-Vorbeugung.9

    Eine andere Meta-Analyse untersuchte den Effekt von mehreren Probiotika-Stämmen, konnte jedoch nur bei Saccharomyces boulardii einen signifikanten Effekt zur Vorbeugung von Reisedurchfall aufzeigen.10

  • Antibiotika-assoziierter Durchfall – hilft S. boulardii?

    Wie bereits erklärt, ist S. boulardii das einzige Probiotikum, das begleitend zu einer Antibiotikabehandlung eingenommen werden kann, ohne durch das Antibiotikum selbst abgetötet zu werden. Das macht es für diesen Anwendungsbereich grundsätzlich besonders interessant. Aber was sagen klinische Studien konkret?

    Auf der positiven Seite stehen eine Reihe randomisierter kontrollierter Studien sowie einige Meta-Analysen, die einen schützenden Effekt von S. boulardii gegenüber Antibiotika-assoziiertem Durchfall zeigen konnten. Besonders gut belegt ist dabei der Einsatz bei Durchfall im Zusammenhang mit Helicobacter pylori-Eradikationstherapien – einer der nebenwirkungsreichsten Antibiotikatherapien überhaupt, bei der S. boulardii in mehreren Studien Häufigkeit und Schwere von Durchfällen signifikant reduzieren konnte und das Outcome der Antibiotika-Therapie verbessern konnte.11 Eine Meta-Analyse konnte konkret auch eine Reduktion von Clostridioides difficile bedingtem Durchfall zeigen, die jedoch nur bei der Anwendung bei Kindern signifikant war.12

    Auf der anderen Seite steht eine große deutsche Multizenterstudie, die S. boulardii bei hospitalisierten erwachsenen Patienten unter systemischer Antibiotikatherapie in 15 Krankenhäusern untersuchte.13 Das Ergebnis war eindeutig: Kein signifikanter Unterschied zwischen S. boulardii und Placebo beim Auftreten von Antibiotika-assoziiertem Durchfall. Die Autoren schlussfolgern, dass die Wirkungsmechanismen von Probiotika insgesamt noch besser verstanden werden müssen, bevor weitere Studien durchgeführt werden.

    Was erklärt diesen Widerspruch? Wahrscheinlich spielt es eine entscheidende Rolle, bei welcher Patientengruppe S. boulardii eingesetzt wird. Die deutsche Studie schloss eine relativ gesunde, gemischte Patientengruppe ohne spezifische Risikofaktoren für Antibiotika-assoziierten Durchfall ein – und die Durchfallrate war in beiden Gruppen ohnehin sehr niedrig. Andere, positive Studien untersuchten dagegen häufig gezielt Hochrisikogruppen oder spezifische Antibiotikaregime. Das deutet darauf hin, dass S. boulardii möglicherweise vor allem dort einen Nutzen entfaltet, wo das Risiko für Antibiotika-assoziierten Durchfall ohnehin erhöht ist – etwa bei langen oder intensiven Antibiotikabehandlungen, bei älteren Patienten oder nach vorausgegangenen Darmproblemen.

  • S. boulardii bei Reizdarmsyndrom (RDS) und SIBO

    Das Reizdarmsyndrom (RDS) äußert sich in chronischen Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung ohne klare organische Ursache. Eine Unterform ist das Durchfall-dominante Reizdarmsyndrom (RDS-D), für das die Datenlage zu S. boulardii am vielversprechendsten ist.

    Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 67 RDS-Patienten zeigte, dass die Gesamtverbesserung der Lebensqualität in der S. boulardii-Gruppe deutlich stärker war als unter Placebo (15,4 % vs. 7,0 %).14 Bei einzelnen Symptomen wie Stuhlfrequenz und -konsistenz zeigte sich hingegen kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Die Lebensqualität verbesserte sich also messbar, einzelne Symptome reagieren weniger einheitlich.

    Besonders interessant ist der Einsatz bei RDS-D mit gleichzeitiger bakterieller Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO): Eine Pilotstudie aus 2023 untersuchte 54 Patienten mit RDS-D und nachgewiesenem SIBO.15 Der RDS-Symptom-Score sank in der S. boulardii-Gruppe um 134 Punkte, in der Kontrollgruppe nur um 93 Punkte. Der Anteil der Patienten mit Durchfall war in der S. boulardii-Gruppe mit 25,9 % zudem geringer als in der Vergleichsgruppe mit 47,6 %. Es handelt sich dabei um eine Pilotstudie mit offenem Design – die Ergebnisse sind also als erste Hinweise zu verstehen, nicht als abschließender Beweis.

Fazit: Saccharomyces boulardii – ein ganz besonderes Probiotikum zur Symptomkontrolle

Saccharomyces boulardii ist unter den Probiotika eine echte Besonderheit – nicht nur weil es eine Hefe und kein Bakterium ist, sondern weil es dadurch ganz eigene Stärken mitbringt. Die natürliche Antibiotikaresistenz macht es zum einzigen Probiotikum, das während einer Antibiotikabehandlung sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Evidenz zur Vorbeugung von Reisedurchfall ist ziemlich stark und bei Antibiotika-assoziiertem Durchfall – besonders bei Hochrisikogruppen und intensiven Therapien wie der H. pylori-Eradikation – zeigt es ebenfalls einen klinisch relevanten Nutzen. Für das Durchfall-dominante Reizdarmsyndrom, vor allem in Kombination mit SIBO, liefern erste Studien vielversprechende Hinweise, die noch weiter bestätigt werden müssen. S. boulardii scheint also besonders bei durchfallbetonten Erkrankungen einen Nutzen zu zeigen.

FAQ

  1. Was kann S. boulardii, was B. subtilis und B. coagulans nicht können?
    Der entscheidende Unterschied: S. boulardii ist eine Hefe und daher von Natur aus resistent gegen Antibiotika. Das macht es zum einzigen Probiotikum, das während einer Antibiotikabehandlung eingenommen werden kann, ohne abgetötet zu werden – ein Anwendungsbereich, für den B. subtilis und B. coagulans trotz ihrer Sporenresistenz nicht geeignet sind, da Antibiotika auch gegen Bakterien in Sporenform wirken können. Darüber hinaus produziert S. boulardii als Hefe andere Wirkstoffe als Bakterien – darunter spezifische Enzyme, die bakterielle Toxine direkt abbauen.

  2. Wie lange sollte man S. boulardii einnehmen?
    Das hängt vom Anwendungsbereich ab. Zur Vorbeugung von Reisedurchfall empfiehlt sich die Einnahme ab fünf Tagen vor Reisebeginn bis zum Ende der Reise. Begleitend zu einer Antibiotikabehandlung sollte S. boulardii für die gesamte Dauer der Therapie eingenommen werden. Bei RDS oder allgemeinen Verdauungsbeschwerden deuten Studien auf Behandlungszeiträume von vier bis sechs Wochen hin. Da S. boulardii den Darm nur transient besiedelt, verlässt es das System nach Absetzen innerhalb weniger Tage wieder. Grundsätzlich kann es auch länger eingenommen werden.

  3. Ist S. boulardii sicher?
    In geprüften Stämmen und üblichen Dosierungen gilt S. boulardii als gut verträglich und sicher. Eine Ausnahme bilden stark immungeschwächte Personen – etwa während Chemotherapie oder unter Immunsuppressiva – da Hefen in sehr seltenen Fällen bei diesen Patientengruppen systemische Infektionen auslösen können. In diesem Fall sollte die Einnahme immer mit einem Arzt oder einer Ärztin abgestimmt werden.

Referenzen (Englisch)
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